Aufatmen im Büro

Im Durschnitt verbringt jeder Europäer täglich rund 20 Stunden in geschlossenen Räumen – einen großen Teil davon am Arbeitsplatz. Da überrascht es fast schon, dass „Gesunde Gebäude“ erst seit einigen Jahren zum Trendthema geworden sind, dem sich immer mehr Eigentümer und Nutzer von Immobilien widmen.

Klar ist: Ein Gebäude, das in Aufbau und Gestaltung gesundheitlichen Kriterien folgt, steigert das Wohlbefinden und die Leistungsfähigkeit der Menschen, die sich darin aufhalten. Auf diese Weise sind Gesundheit und Wirtschaftlichkeit eng miteinander verbunden.

Qualität der Raumluft zählt

Die Grundlage gesundheitsoptimierter Immobilien sind nachhaltige Baumaterialien, die sich durch möglichst umweltverträgliche Substanzen auszeichnen und eine gute (jederzeit messbare) Qualität der Raumluft erhalten. Allerdings ist die Vielfalt moderner Materialien und der darin verarbeiteten Stoffe für Laien kaum mehr zu durchschauen. Baustoffe sind inzwischen der zweitgrößte Absatzmarkt der chemischen Industrie und das Angebot wächst kontinuierlich. Prinzipiell ist es auch utopisch zu glauben, der Einsatz von Chemie ließe sich verhindern. Schließlich handelt es sich bereits bei einfachem Mörtel um ein chemisches Gemisch.

VOC und ihre Folgen

Wichtig ist, in der Bauchemie solche Stoffe zu ermitteln, die der Gesundheit des Menschen schaden können. Dazu zählen beispielsweise die sogenannten flüchtigen organischen Verbindungen, in der Regel abgekürzt als VOC (= Volatile Organic Compounds). Diese VOC sind unter anderem Bestandteil von Lösungsmitteln und anderen Zutaten in Farben, Lacken und Klebstoffen. Insgesamt handelt es sich um etwa 200 Einzelsubstanzen. VOC sind nicht grundsätzlich schädlich, können aber bei der gegebenen langen Einwirkung auf die Raumnutzer und in verschiedenen Kombinationen die Gesundheit angreifen. Sie verdunsten in der Luft und werden dann vom Menschen eingeatmet. Die Abklingzeit bauchemischer Stoffe liegt zwischen zehn Tagen und drei Jahren. Mögliche Schäden sind Reizungen der Schleimhäute und Kopfschmerzen ebenso wie Müdigkeit, Juckreiz und unterschiedliche allergische Reaktionen. Im Extremfall sind sogar negative Einflüsse auf Leber, Nieren und das zentrale Nervensystem möglich.

Liste mit ökologischen Baumaterialien

Im Kontext „wohngesunder“ oder „arbeitsgesunder“ Gebäude geht es nicht darum, Panik zu verbreiten, sondern um sachliche Analysen und fachmännische Beratung. Diese sorgen bei der Auswahl von Baumaterialien für Klarheit. Die technische Unterstützung liegt immer häufiger in der Verantwortung ausgewiesener Experten, die durch die Vermeidung von Raumluftbelastungen den Nutzwert der Immobilien sichern und damit Vermögensschäden, zum Beispiel durch Mietminderungen, vermeiden helfen. Gerade vor dem Hintergrund, dass im Bauwesen vermehrt Vielkomponentensysteme zum Einsatz kommen, lohnt es sich einen solchen Experten zu beauftragen. Er kann mögliche Risiken bereits im Vorfeld aufdecken. Erste Unterstützung bietet zudem eine Liste mit ökologischen Baumaterialien, die Nicht-Chemikern einen guten Überblick gibt. Die Liste ist Teil der Regelungs- und Handlungsempfehlungen für eine nachhaltige Gebäudenutzung, die unter dem Titel „Grüne Mietverträge – Regelungs- und Handlungsempfehlungen für eine nachhaltige Gebäudenutzung“ veröffentlicht wurden (siehe Seite 60-67).

 

Die Liste ist auch deshalb besonders nützlich, weil der Einsatz von Schadstoffen im Bauwesen gesetzlich nicht im Detail geregelt ist. Das Umweltbundesamt beschäftigt allerdings einen eigenen Ausschuss für Innenraumrichtwerte, der nach und nach Grenzwerte für verschiedene Stoffe definiert und diese für Fachleute in einer Tabelle dokumentiert. Diese Grenzwerte haben gleichwohl „nur“ Empfehlungscharakter und sind bislang noch nicht gesetzlich bindend.

 

Leider kann keineswegs davon ausgegangen werden, dass neue oder verschärfte Grenzwerte für Bauinhaltsstoffe unmittelbar dazu führen, dass die betreffenden Stoffe in den Baumaterialien vermieden werden. Grund hierfür ist, dass es – abgesehen von DGNB-zertifizierten Gebäuden - keine Pflicht zur regelmäßigen Überprüfung der Raumluftqualität gibt.

Mit geringen Mitteln viel erreichen

Einer längeren historischen Entwicklung folgend, differenziert sich heute immer stärker heraus, welche Baustoffe das Wohlbefinden in einer Immobilie sichern. Mit einem pragmatischen Ansatz und vergleichsweise geringen Mitteln kann dabei schon viel erreicht werden. Sorgen die gewählten Baumaterialien für ein gesundes Raumklima, ist anschließend darauf zu achten, die Raumluft nicht durch unachtsam gewählte Möbel oder andere Einbaugegenstände sowie VOC-haltige Reinigungsmittel zu verunreinigen. Holz zum Beispiel hat als natürliches Material zu Recht einen guten Ruf, ist aber so gut wie nie unbehandelt und kann durch formaldehydhaltige Bindemittel, Klebemittel oder Beschichtungen Schadstoffe in den Raum tragen. Daher sollte auch bei der Wahl des schönen Chefbüro-Tisches Gesundheit wichtiger sein als das reine Design.

 

Nachhaltig wird die Wahl eines Baustoffes schließlich auch dadurch, dass die Verantwortlichen den gesamten Lebenszyklus eines Materials betrachten: von der Herstellung, über die Nutzung bis zur Entsorgung sollten Mensch und Umwelt so gut wie möglich geschont werden. Auf diese Weise lassen sich nicht selten ungeahnte Folgekosten bei der Entsorgung vermeiden. Erinnert sei hier nur an die milliardenschweren Aufwendungen zur Beseitigung von z. B. Asbest, krebserregenden Mineralfasern, Polychlorierten Biphenylen (PCB) und Polyaromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK).

 

Umweltschonende Investitionen kommen insgesamt den Menschen in einem Objekt zugute und erweisen sich zudem als wirtschaftlich. Daher rückt das Thema „Gesunde Gebäude“ immer weiter in den Fokus der Immobilienwirtschaft.

 

Autor:

Dr. Michael Rieß, Büro für integrierten Umweltschutz (BIU)

www.riess-biu.de